Die Kalender in Deutschland zeigen auf den 11. Juni 2008. Heißer Sommertag mit den Farben rot-weiß. Auf den Gesichtern der Fußball-Fans sind Mond und Stern zu erkennen, Trikots der türkischen Nationalmannschaft sind nicht zu übersehen. Die Euphorie ebenso wenig. Diagonal von mir sitzt das Mädchen, die mir schon seit längerem auffällt. Die Haare zu einem Dutt zusammengebunden, entsprechend gekleidet und dann diese Vorfreude in ihrem Gesicht, die sie irgendwie interessant und eingebildet zugleich macht. Unsere Blicke treffen sich in den 90 Minuten des Unterrichts bestimmt neunzig mal. Ihre eigensinnige Art nimmt mir den ganzen Mut ihr ein flüchtiges Lächeln zu schenken, doch anscheinend besitzt dieses zierliche Mädchen genug Kühnheit, um mit einem sympathischen Lächeln den ersten Schritt zur allgegenwärtigen Freundschaft.
1453. Ein Zauber beginnt. Der erste Gebetsruf. Die neue Hauptstadt des Osmanischen Reichs heißt Istanbul. Heute ist die Metropole Istanbul eine Kulturhauptstadt. Eine Kernzelle für internationalen Dialog. Treffpunkt aller Religionen, Nationen und der interkulturellen Toleranz. Istanbul ist eine Brücke zwischen der islamischen Welt und Europa. Sie verbindet nicht nur Europa und Asien, sondern auch auf elegante Weise die Antike mit der Moderne.
Wenn sie heute die Zukunft ist, die in alle Richtungen ihre Türen öffnet, ist sie morgen Geschichte, die in allen Köpfen begraben ist. Sie ist so viel, dass ich nicht mehr hinterher komme. Istanbul, meine Stadt. Mit glänzenden Augen empfängt sie mich und schließt mich sofort in die Arme. Geborgenheit. Zuwendung. Wärme, trotz der zwei Grad, die Istanbul noch einmal den Winter spüren lassen. Ganz tief bis in die kleinste Zelle atme ich Istanbul ein, als ob ich sie dann immer in mir behalten könnte. Und noch einmal… Jeder Atemzug trägt den Namen mit sich mit. Ich spüre, wie die Stadt mich fest im Griff hat. Glück. Es überfällt mich ganz leicht und verbreitet sich Stück für Stück in meinem Körper. Es ist der Moment; Istanbul hat mich. Freiwillig ergebe ich mich und lass mich fallen mit der Gewissheit, dass sie mich auffangen wird. Ich weiß, Istanbul lässt niemanden fallen, der ihr vertraut.
Die Tradition findet auch diesmal kein Ende. Die Deutsche Bahn weigert sich weiterhin der Pünktlichkeit und bestätigt ihr Image auf den langen Strecken der Gleise, die uns Studenten, Schüler, Pendelnde oder Reisende zu unseren Zielen führen soll.
Diesmal ist es jedoch nicht wie bei der Hinfahrt zur Uni-Stadt Heidelberg, da hatte ich das Vergnügen eine zusätzliche Stunde in der Bahn zu verbringen. Nein, die Rückfahrt in die schönste Hafenstadt war mit nur 10 Minuten Verspätung deutlich kürzer. Doch jeder auswärtige Student weiß ganz genau von welchen 10 Minuten die Rede ist. Da zählt jede Minute, die uns vom schmerzlichen Verlangen nach dem Ersehnten trennt. Eigentlich beginnt doch alles mit der Sehnsucht. Sie ist der Anfang, oder doch eher das Ende? Ich befinde mich im Teufelskreis, verschönert: in einem sich zirkulierenden System.








