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Kleider machen Leute. Das Lied vom armen Schneiderlein (Teil 3)

13.Juli 2012 |  by Gastschreiber  |  Gesellschaft & Lifestyle
Kleider machen Leute. Das Lied vom armen Schneiderlein (Teil 3)

Wer die ersten Teile gelesen hat, weiß: Es geht um Dich, um Deine Individualität und Identität. Im zweiten Teil ging es um die Designer und was sie vor allem den weiblichen Konsumentinnen bescheren. Und nun ziehen wir noch einen weiteren Kreis und schauen uns an, wer unsere Klamotten herstellt:

Experten sagen: Wir leben in einer Zeit, in der lokal globale Entscheidungen getroffen werden – besser kann man es nicht ausdrücken. Wer macht unsere Klamotten? Ihr könnt den Selbsttest machen. Geht zu eurem Kleiderschrank und zieht ein paar Sachen heraus. Das kleine eingenähte Etikett am Kragen verrät euch: Made in Indonesia, Made in Bangladesh, Made in China, Made in India.

Muss noch irgendwer irgendjemandem erzählen, was das bedeutet? Wissen wir nicht längst, dass diese Menschen nicht richtig bezahlt werden? Dass oft Kinder an den Nähmaschinen sitzen? Dass ein normaler Arbeitstag 16 Stunden dauert und man sich in manchen Fabriken nicht setzen darf während der Arbeit? Dass viele dieser Fabriken überfüllt sind und keine Brandschutzvorschriften eingehalten werden, sodass es oft zu schrecklichen Unfällen kommt, bei denen Menschen verbrennen, ersticken und vergiftet werden? Wo ist unsere Empathie, unser Gerechtigkeitsgefühl, wenn wir eine Hose, oder eine Bluse von der Stange kaufen? Als Muslime erklären wir Nichtmuslimen schließlich: Der Islam ist eine Religion, die sich nicht auf das Beten und Fasten beschränkt. Der Islam ist ein Lebensweg. Ein Lebensweg der in den großen Klamottenläden aufhört? Den wir draußen lassen, wenn wir in so einen Laden gehen?

Als in den 80er und 90er Jahren die ersten Horrorberichte über Nike in den Medien auftauchten, oder über Fabriken die GAP beliefern, oder T-Shirts die für WAL MART hergestellt werden, gab es einen Shift (Veränderung). Viele Unternehmer wussten sofort, dass sie mächtig in der Klemme saßen. Sie reagierten mit Statements, die Teilgeständnisse und Beteuerungen enthielten. Man werde versuchen in Zukunft verstärkt auf Arbeiterrechte zu achten. Vieles davon war glatt gelogen. Image ist schließlich alles.

Aber konsumieren macht so viel Spaß, weil es einfach unglaublich (ersatz-) befriedigend ist sich etwas zu kaufen. Und so  strömt das Geld nach wie vor in die Kassen von Phil Knight, Glenn K. Murphy und Stefan Persson – und nicht in die Taschen von Ameena, 12 Jahre alt, die in Bangladesh in einer Fabrik arbeitet, weil ihre Eltern krank sind und nicht arbeiten können und sie dafür die Schule abgebrochen hat. Ameena wurde für eine WDR Doku über H&M interviewt – eine Doku in der es wohlweislich nicht in erster Linie um die Arbeiter ging, sondern darum wie groß der H&M „Trend Faktor“ und wie gut die H&M Qualität sei. Ganz am Ende der Doku widmen sich ihre Autoren den Arbeitern, fliegen nach Bangladesch und wollen sich ein Bild von den Verhältnissen machen. Sie treffen auf Ameena. Als sie Ameena Fotos der Teenager-Mädchen zeigen, die für die Doku über H&M in Deutschland  befragt wurden, lächelt sie und merkt an, das ihr die Fotos gefallen. Dann hält sie ein Foto hoch und sagt: „Der Unterschied zwischen diesen Mädchen und mir ist: Sie sind reich und ich bin arm.“ Als die Mädchen auf den Bildern in Deutschland das Filmmaterial sehen, verstehen sie diese Aussage nicht. „Wir sind doch nicht reich!“, empört sich eine von ihnen. – Was für eine verkehrte Welt.

Im Islam gibt es ein sehr genau detalliertes Handels-Fiqh. Hier ist nach genauen Regeln festgelegt worden, was ein gerechter Handel ist, ein gültiger Vertrag, und was nicht.

Einige Gelehrte vertreten z.B. die Ansicht, ein Händler dürfe nicht mehr als ein Drittel Preisaufschlag auf seine Produkte verlangen – ein Drittel – größer darf die sogenannte Handelsspanne nicht sein, sonst wäre ein solcher Kaufvertrag in den Augen vieler islamischer Gelehrter ungültig.

Noch einmal: Ein Drittel. Mehr als das bezeichnete man als «Mughabana» und Ghazali warnt in seinem Adab ul Kasb davor. Bezogen hierauf, würde das bedeuten: Wenn Nike einen Schuh für 30 Euro herstellen lässt, darf er ihn für 40 Euro verkaufen. Die Realität sieht so aus: Ein Markenhersteller lässt einen Schuh für 35 Euro herstellen und verkauft ihn für 135 Euro. Das Drei- bis Vierfache ist heute mehr als üblich. In der Kleidungsindustrie ist die Handelsspanne oft sogar noch größer.

Das Gegenteil ist ebenfalls islamisch nicht vertretbar: Ihtimal ul ghaban. Das bedeutet: Etwas hinzunehmen, wenn  ein Händler etwas so herstellt, dass er den Arbeiter nicht gerecht bezahlt, um selbst billiger herstellen zu können und so mehr beim Verkauf zu verdienen.

Vielleicht sollten wir das nächste Mal an diese Menschen denken, wenn wir in einen Laden gehen. Auf das Etikett zu schauen, kann Wunder wirken. Und dann hängt man den Pulli vielleicht doch lieber zurück an die Stange.

von Ilhaam E.

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4 Kommentare


  1. Was ist dein Vorschlag mit diesem Problem künftig umzugehen? Es ist ja so, dass wir eigentlich nur Klamotten kaufen, die unter widrigen Bedingungen im Ausland (China, Indien etc.) herrgestellt werden. Ich meine, die meisten Muslime hier achten ja darauf, dass man nicht von KIK kauft, sondern Klamotten die trendy sind und diese werden ja meist im Ausland herrgestellt.

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  2. salam

    "trendy" oder "nicht trendy" macht hier gar keinen unterschied, die sachen sind alle im ausland hergestellt. es gibt viele verschiedene ansätze wie man damit umgehen kann, und auch Gott sei dank immer mehr möglichkeiten.

    als erster schritt, wenn man zB trotzdem in diese Läden geht / gehen möchte wäre, wirklich zu schauen das man nicht klamotten kauft die aus diesen Ländern sind. Es wird ja Gott sei dank nicht nur in diesen Längern hergestellt sondern auch in Portugal oder Italien. Das heißt zwar noch lange nicht, dass da faire Löhne gezahlt werden, aber insgesamt ist der Lebensstandard dort besser als in Bangladesh oder Kambodscha. Das wäre ein erster Schritt. Natürlich schränkt einen das ein, aber man ist den islamische Idealen ein Stück näher und darum geht es uns Muslimen ja.
    Was andere Lösungsansätze angeht die noch etwas weiter gehen, die kommen inshaAllah im laufe der serie ausführlich. es gibt alhamdulillah viele Ideen die nicht alle in einen Kommentar passen :) Außerdem: wir können ja auch alle zusammen Ideen sammeln was man tun könnte, wenn du oder andere eine habt, immer her damit!!! :)

    salam ilhaam

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  3. Teil 3. Ist das der letzte Teil der Serie?

    Unabhängig davon muss ich meinen Dank an Cube Mag und der Schwester ggü. aussprechen.

    Wie viele Artikel dieser Art, hat auch diese Serie mir sehr geholfen und mir in dieser Thematik ein anderes und standfestes Bewusstsein gegeben.
    Ich glaube ihr kennt das Gefühl auch, dass man sich nach einer Sache so fühlt als könnte man Bäume ausreissen.

    Mit dem Artikel ist mir bewusst geworden, dass Konsum sehr viel mehr Facetten haben kann als man uns suggeriert. Mögen wir inschaallah stets bei der richtigen Facette standhaft sein. Amiin.

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  4. well, bro, wer suchet der findet, netwahr?
    Aber weil ich so nett bin hab ich mal etwas gesucht und teile meine funde mal mit der welt-und es gibt noch viel mehr shops. Also, aufauf, da gibts ne menge schicker, moderner Kleidung, fair und bio, bezahlbar (vll etwas teurer-nein, falsch. das ist nicht teuer, den kram den wir sonst kaufen ist zu billig, weil andere für uns bezahlen..)

    allgemein über greenwashing: http://www.zeit.de/lebensart/mode/2010-07/produktionsbedingungen-mode-test

    erstmal infos zu labels und zeichen:

    http://www.oeko-mode.info/Qualitaetszeichen/

    Dieses netzwerk informiert über gute firmen:
    http://netzwerkfairemode.wordpress.com/

    wer interese an fairer und bio gehandelter kleidung hat, hier shops:

    http://www.armedangels.de/

    http://www.grueneerde.com/

    http://www.india-fling.de/

    http://www.fair-queen.de/ (sehr schöne, dezente kleidung, stellenweise nicht ganz günstig, aber sicher das geld wert)

    http://www.zuendstoff-clothing.de/de/Fair-Trade-Kleidung/p-SEO_Fair_Trade_Kleidung

    http://www.greenality.de/

    http://www.grundstoff.net/?bid=35343-48619

    http://www.avocadostore.de/fair-trade-kleidung (Fast alles in bio oder fairtrade oder beidem.)

    http://www.fairtragen.de/

    http://www.fairstyled.de/

    kambodschanischer seidenschals und schmuck, deko: http://www.respecca.com/

    http://www.greenpeace-magazin.de/warenhaus/ (diverser kram, nicht nur kleidung)

    http://www.hirschkind.de/onlineshop/

    Imzadi cotoure hat ein paar fair gehandelte sachen, soweit ich weiß.

    ach und bei zalando gibts auch ne grüne ecke..

    Ansonsten gibt es bei biohändlern auch viel kram, ich denke, dass kinderarbeit und sowas bei bio viel seltener ist, abgesehen davon dürfen dort ja keine dieser hochgiftgen pestizide verwendet werden..

    Mich würde es ja massivst beglücken, wenn StyleIslam komplett auf fair+Bio Baumwolle umsteigen würde.. Das wäre massiver win für alle.

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