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Krone der Schöpfung. Segen oder Fluch?

14.Mai 2011 |  by Özlem  |  Religion & Ethik
Krone der Schöpfung. Segen oder Fluch?

In „De Anima“ (Über die Seele) diskutiert Aristoteles über Lebewesen, ihre Eigenschaften, die Seele uvm. In diesem sehr lesenswerten Werk stellt Aristoteles auch eine Hierarchie der Lebewesen auf. Die Wertung der Lebewesen erfolgt über die Anzahl der „Seelenvermögen“. So werden sie von ihm genannt. Je mehr Vermögen eine Seele besitzt, desto mehr Potential birgt sie. Je mehr Potential eine Seele hat, desto höher wird sie eingestuft. Da Aristoteles nur drei Lebewesen aufzählt, ist die Liste überschaubar: Bronze für Pflanzen, Silber für Tiere und Gold für Menschen. Der Verstand bringt uns den ersten Platz ein.

Nun scheint es für uns Menschen sehr schmeichelhaft zu sein, den ersten Platz zu belegen. Immerhin bezeichnen wir uns selbst nicht nur als „Homo Sapiens“, sondern als „Homo Sapiens Sapiens“. Sprich: „Mensch Weise Weise“. Crème de la Crème. Als ob wir auch nur einen Deut zu unserer Beschaffenheit beigetragen hätten. Egal ob wir von der Schöpfung durch Gott oder von Entstehung als Zufallsprodukt der Natur überzeugt sind. Wichtig ist: We are simply the best!

Es ist Muslimen gestattet Tiere und Pflanzen zu nutzen. Doch existiert ein kolossaler Unterschied zwischen den Begriffen: Benutzen und Ausnutzen. Es ist durchaus legitim, seinen Wohnraum durch eine Zimmerpflanze zu verschönern, auf Pferden zu reiten und in einem See zu baden. Jedoch ist es abscheulich, Orcas/Delfine für die eigene Unterhaltung in winzige Becken einzusperren. Hektarweise überlebenswichtige Wälder zu roden, um der Nachfrage an Holzprodukten und dem angeblichen Platzmangel auf der Erde gerecht zu werden. Hühner/Puten mit einer Überdosis Antibiotika zu füttern, damit ihre Brüste größer werden. So groß, dass die Tiere sich nicht mehr fortbewegen können. Gewässer mit chemischem Abfall aus Fabriken zu verseuchen und damit alles vorhandene Leben darin zu zerstören. Die Liste kann jeder individuell ergänzen.

Dabei ist die Grenze des Benutzens und Ausnutzens eigentlich sehr deutlich. Erleidet etwas einen Schaden, während es genutzt wird, so wird es nicht benutzt, sondern ausgenutzt. Leider nutzen wir Menschen andere Lebewesen viel zu oft aus. Wir schätzen Tiere und Pflanzen nicht genug, um sie vor uns selbst zu schützen. Vor unserem eigenen Ego. Nichts vermag es zwischen uns und unserem Profit zu stehen. Da müssen Tiere und Pflanzen gezwungenermaßen herhalten. Immerhin sind sie minderwertig, oder?!

Die Tragik der Situation besteht darin, dass wir unser beschämendes Verhalten durch unsere Position legitimieren. Wir sind Tieren und Pflanzen in unserem „Seelenvermögen“ überlegen. Aber das gibt uns nicht das Recht, sie auszunutzen und auszubeuten. Die Überlegenheit fordert vielmehr ein moralisches Bewusstsein, eine Verantwortung. Doch werden wir dieser Verantwortung überhaupt gerecht? Oder missbrauchen wir sie vielmehr? Für uns Muslime gibt es noch eine weitere existenzielle Frage: Wie erklären wir unser Verhalten am Tag des jüngsten Gerichts? Wie wird unser Verhalten gegenüber anderen Lebewesen bewertet?

Fakt ist: Ein vermeintlicher Segen der Überlegenheit im Diesseits kann plötzlich zu einem verheerenden Fluch im Jenseits mutieren.

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Die Autorin

Özlem B. (22) studiert derzeit auf Lehramt Philosophie und Mathematik. Sie möchte sich für die muslimische Gemeinschaft engagieren. Ihr Lebensmotto lautet: "Verschwende nicht, sondern verwende das dir gottgegebene Potential."



2 Kommentare


  1. Ach wie gut, dass ich mir über sowas als Christ keine Sorgen machen muss. Da kann man ja leben und plündern, wie man will und muss im Jenseits keinerlei Repressalien fürchten ;-)

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