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Eroberung

25.März 2011 |  by Gastschreiber  |  Religion & Ethik
Eroberung

Jetzt verändere ich die Welt… zumindest meine eigene. Manchmal schreibt ein Autor seine Texte für sich oder zuerst für sich. Er betitelt diese mal als Zugeständnis, mal als Kritik, oder als Traum, so wie man die Welt gern gehabt hätte.  Auch ich habe einen Text geschrieben… mit ein bisschen Zugeständnis… ein bisschen Kritik… ein bisschen Traum. Jedenfalls lasse ich das Fenster in meine Gedankenwelt heute offen, damit auch Du hineinschauen kannst und wer weiß, vielleicht bin ich dir viel näher, als du denken magst.

Neben den „Fakten “ von  Sarrazin & Co, die mich seit Wochen oder gefühlten Jahrzehnten begleiten, ist es immer wieder amüsant zu sehen, wie und in welcher Art und Weise ich mich oder wir uns dagegen wehre(n). Analysiere ich mich und meine Umgebung, so habe ich vieles im Angebot.

Jene, die die gleiche Sprache sprechen und ebenfalls mit Fakten argumentieren. Jene, die leider das Wort “Niveau” nur im Lexikon ganz flüchtig gesehen haben und jene, die die  Sachlichkeit vergessend schon an Beleidigungen grenzen.

Während der ganzen Euphorie erscheint ein kleiner Gedankenblitz. Je mehr ich versuche, ihn zu unterdrücken, desto lauter schreit er und hält einen Spiegel vor meine anderen Gedanken. Wo unterscheidet ihr euch? Wirst du auch nicht ein bisschen Sarrazin? Was ist das, was dich von einem Nicht-Muslim unterscheidet?

Ich falle in ein tiefes Loch und bereue schon die ersten Sätze. „Darf ich mich denn gar nicht wehren, muss ich alles so hinnehmen“, antworte ich ganz zickig und mache meinem Geschlecht alle Ehre. Ich weiß nicht mehr weiter und plötzlich weht ein Vers mitten ins Zimmer hinein und setzt sich auf mein Gewissen: „…wärst du schroff, hartherzig gewesen, sie wären gewiss rings um dich zerstoben. So verzeih ihnen und erbitte Vergebung für sie…“ (3: 159). Das ist also das, was uns unterscheidet? Die Wahrheit aussprechen, aber in einem mäßigen Ton. Nicht hartherzig sein. „Rufe auf zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen auf die BESTE ART…“ (16: 125).

Warmherzig und auf die beste Art ermahnen. Dieser Vers beschäftigt mich sehr. Ich lese ihn mir pausenlos durch und immer wieder meldet sich die „beste Art“ zu Wort. Ich habe keine Möglichkeit, diese Stelle zu übersehen. Mit der Steigerung „beste“ falle ich in andere Gedanken. Nicht mittlere, nicht gute sondern die beste Art der Ermahnung. Stimmt… das musste es sein, was uns unterscheidet!

Wie sonst hätte man Herzen erobern können. “Aber ist das nicht zu schwierig“,  frage ich mich, das ist mein Zugeständnis. Ein anderer Gedankenblitz flüsterte mir zu, dass es machbar ist. Allah will es so, dann ist es machbar. Trotz der Motivation fühle ich mich wieder schlecht. Ich wähle ständig den leichten Weg, den der meinem Nafs gefällt. Ich lasse mich ständig von ihm leiten, das ist meine Kritik. „Aber du sagst doch die Wahrheit“ , beruhigt mich mein Nafs. Stimmt, aber nicht so wie es Allah will. Allah will, dass man die Herzen erobert.  Ich will von nun an Herzen erobern, setze ich mir als Ziel und packe mir ordentlich Geduld, Ausdauer und jede Menge Iman in meine Tasche.  Und vielleicht… vielleicht hab ich auch den harten Sarrazin erobert, so Gott es will… das ist mein Traum.

Wenn jeder Mensch Gottes Werk ist, so ist fast jedes Herz frei zur Eroberung. Das Eine leichter, das Andere schwieriger… und wenn manche Herzen noch nicht erobert sind, dann… dann warten sie noch heute. Ich will meinen Text nicht, wie die meisten, mit Kritik beenden. Ein Vorschlag gibt es auch meinerseits. Ich unterscheide bei der Eroberung zwischen anonymer Eroberung und direkter Eroberung.

Mal einem fremden Pärchen, heimlich die Rechnung bezahlen und diese Karte beim Kellner als einzige Spur hinterlassen. Mal an einem heißen Tag zufällig eine Kiste Wasser im Bus mit diesen Kärtchen vergessen, oder mal einem Obdachlosen, in die Augen schauend, ein paar Handschuhe übergeben. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Los, mach schon! Warte nicht! Die Herzen und somit die Welt kann es nicht erwarten, erobert zu werden… Im Namen Allahs des Allerbarmers, des Barmherzigen.

Meryem Alci

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6 Kommentare


  1. Masha'allah! Sehr schön und auch in meinem Sinne, denn ich finde die "beste Art" geht uns Muslimen oft ab und dadurch sind wir nicht besser, als die, die anklagen! Ich danke dir für diesen Artikel!

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  2. MASHA_A'llah!°

    vorallem das ende - sehr sehr gut - inshaA'llah sehen es viele genauso UND leben es dann auch genaus - die vielen kleinen möglichkeiten unterscheiden einen menschen der tat von einem "wartenden"

    schwestern die hijab tragen begrüßen aaassssalamu Alaykum
    oder eine kleine aber feine site/zeitschrift promoten/unterstützen .. für eine kleine moschee viele interessenten für mittagessen freitags organisieren

    die kleinen dinge- Nicht Übersehen machts aus

    assalamu Alaykum wa raHmatu'llah

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  3. Ich bin ein toleranter Mensch. Ich gestehe jedem Menschen auf der Welt zu, seine Religion auszuüben, sei er mein Nachbar oder in einem anderen Land. Ich schaue nicht schräg, wenn er einen Turban, eine Kopftuch oder wie auch immer geartete religiöse Symbole trägt. Entscheidend ist das alles nicht.

    Dir hat die "beste Art" gefallen. Mir ist in dem Satz die "Ermahnung zum Weg des Herrn" aufgefallen. Du suchst nach dem, was Dich von Nicht-Muslimen unterscheidet. Du willst mein "Herz erobern". Und dabei ich empfinde Unbehagen.

    Ich werde das Gefühl nicht los, dass Du Deinen Glauben für das einzig Wichtige und das einzig Wahre im Leben hälst. "Allah will es so, dann ist es machbar". Vielleicht habe ich als Deutscher zu große Vorbehalte gegen bedingungsloses Hinnehmen, gegen willenloses Verse zitieren. Ich will nicht gesteuert werden, ich will alleine denken. Ich stelle meine Lebens-Grundsätze nicht auf die Verse eines Propheten. Ich will die Gesellschaft und den Menschen analysieren und dann meine eigenen Regeln aufstellen, nach denen ich diese Gesellschaft besser mache. Und ich will erkennen können, wo ich es nicht kann. Ich weiß, dass es keines der Gottesbücher zu keiner Zeit geschafft hat, stabile Gesellschaften hervorzubringen. Das wäre ein Fakt, der mich an meinem Weg zweifeln ließe.

    Nein, ich brauche keinen Koran, keine Bibel, um Dieter Bohlen, Heidi Klum und auch Thilo Sarrazin und die Bild zu verachten, weil Sie das Volk verdummen und verhetzen. Ich bin bereit, viel zu investieren, um auch den Guttenwolf im Schafspelz zu erkennen. Mein Herz muss nicht erobert werden von Worten, die vor Jahrhunderten von Menschen aufgeschrieben wurden, nicht weil sie heute nicht mehr gelten würden, aber weil die Menschen damals nicht schlauer waren als ich es heute bin.

    Und auch wenn ich toleriere und akzeptiere, was Du bist und woran Du glaubst, wenn Du versuchst, Deinen Glauben an mich heranzutragen, wenn Du mein freies, reines Herz erobern willst, sei es auch auf die "beste Art", dann werde ICH mich dagegen wehren.

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  4. Meinst du wirklich, Missionierungsdrang wird Moslems beliebter machen ? -,-

    Das Gegenteil ist der Fall, liebe/er Alci. Gegenseitiger Respekt ist das Zauberwort.
    Und Missionierung, egal welcher Art, ist immer ein aggressiver, respektloser Akt, wenn auch auf eher hinterhältige Art.

    Liegt dir überhaupt wirklich was am gleichwertigen Zusammenleben mit Anders- und Nichtgläubigen ? Zweifel sind angebracht.

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  5. Schön hast du mal wieder aufgeklärt. Mein Herz konntest du mit deinen gewandten und feurigen Worten jedoch nicht erreichen, ganz zu schweigen von erobern. Genau wie du dich frei für eine Sache entscheidest, hat sich die Autorin doch auch frei für einen Gedanken und hiermit eine Religion entschieden. Nur weil es deinen Gedanken nicht entspricht heißt es nicht das sie einer unfreien Natur entspringen. Und auch musst du dich nicht als gefährdet ansehen. Niemand will dich Zwangsbekehren.

    Nur um dem Text gerecht zu werden, lasse ich den sarkastischen Ton mal beiseite.

    Dennoch denke ich und mein Wort gilt nun der Autorin, das wir Muslime leider zu nett zueinander sind. Bei der Sarrazin Debatte machen wir Muslime gewiss den Fehler, Sarrazin auch auf eine unschickliche Weise zu kritisieren. Dennoch sind wir bei der Kritik zu uns selber zu nachsichtig. Oft wollen wir den gegenüber nicht kränken, um "Herzen" zu erobern, doch vergessen wir damit auch wichtige Aspekte. Der Koran soll Hoffnung machen, wie du es sagst, gleichzeitig soll es auch warnen.

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  6. @Bassa Selim

    Richtiger Gedanke.

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